Warum lassen sich kleinwüchsige Menschen durch Discos jagen?

Die Ankündigung des Veranstalters

Die Diskussion über Veranstaltungen und Partys, bei denen auf menschenverachtende Weise kleinwüchsige Menschen als Beschauungsobjekt vorgeführt werden, wird derzeit in aller Munde geführt. Der Artikel „It’s time dwarfs stopped demeaning themselves in public“ des Soziologen Tom Shakespeare hat mich zum Nachdenken gebracht. Haben wir kleinwüchsigen Menschen selbst schuld daran, dass wir teilweise auf der Straße ausgelacht werden, kleinwüchsige Schauspieler fast keine Chance haben „normale“ Rollen zu bekommen oder wir noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen haben?

Wie wohl die meisten von euch wissen, bin ich ehrenamtlich im Bundesverband kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF) e.V. tätig. Wir haben in den letzten Wochen für großen Pressewirbel gesorgt, weil es durch unsere Stellungnahmen und den starken Druck der Gesellschaft auf die Städte zu Verboten und schlechter Kritik für einige Veranstalter gekommen ist. Aber woher kommt der Hype kleinwüchsige Menschen als Attraktion auszustellen? Gibt es dieses Problem erst seit heute?

Vom Halbgott zur Jahrmarktattraktion – Die Darstellung kleinwüchsiger Menschen im Wandel

Im Alten Reich, vor mehr als 4500 Jahren also, genossen kleinwüchsige Ägypter oft eine besondere soziale Stellung am Hof. Die Ägypter sahen den Kleinwuchs als besondere Gabe und sagten den Betroffenen magische oder zumindest wohltuende Kräfte zu. Sie waren am Hof als Hofzwerge, Hofnarren oder Tanzzwerge tätig, waren Ausdruck für den Wohlstand des Herrn und dienten gleichzeitig als Glücksbringer.

Zirkusdarsteller 1934 by Leslie Jones

Sie durften, wie jeder andere Bürger auch, eine Familie gründen, hatten Aufstiegschancen in ihrem Beruf und führten somit ein besonderes aber durchaus normales Leben. Die ersten Anzeichen von Ausgrenzung und menschenverachtender Darstellung kleinwüchsiger Menschen sind uns aus dem Neuen Reich, also 1550-1070 v. Chr., bekannt. Aus dieser Zeit stammen erste Mahnschriften, die an die einstmalige Hochachtung erinnerten und zu mehr Toleranz aufriefen. Es vergingen die Jahre und immer neue Formen der Diskriminierung entstanden.

So wurden im 19. Jahrhundert Menschen mit Behinderung als Launen der Natur in Kuriositätenkabinetten vorgeführt. Nicht selten traten kleinwüchsige Menschen zu dieser Zeit auch in Zirkussen auf und belustigten mit ihren nicht „normgerechten“ Körpern die Menge.

Blick in das Wohnzimmer von Marianne Saar aus Heft 26/2013 des Süddeutsche Magazins

Bis in die Neunzigerjahre wurden kleinwüchsige Menschen im rheinland-pfälzischen „Holiday-Park“ zur Beschauung ausgestellt. Sie lebten den Tag über in Wohnwagen einer „Liliputaner-Stadt“ und die Besucher des Parks konnten die „Kuriositäten“ durch ein Schaufenster bei ihrem Alltag beobachten.

Die Zurschaustellung ist also keinesfalls ein Problem, was erst in der heutigen Zeit entstanden ist. Lediglich die Plattformen und somit die Art der Darstellung haben sich verändert.

„Liliputaner-Action“ als Wunderpille der Partyszene

Der Darsteller „Tripod“ bei einem „Dwarf-Tossing Contest“ in Kanada

Das sogenannte „Zwergenwerfen“, was 1980 ursprünglich als Jahrmarktattraktion in den USA entstand, sorgt bis heute für Streitigkeiten zwischen Fürsprechern und Gegnern des umstrittenen „Sports“. Hierbei werden kleinwüchsige Menschen, die mit einem Schutzanzug bekleidet sind, möglichst weit auf eine weiche Unterlage geworfen. Diese Veranstaltungen, die noch heute teilweise in Bars stattfinden, fanden so großen Anklang, dass ganze Meisterschaften ausgetragen wurden. Diese sind mittlerweile aber in den meisten Ländern verboten.

In den letzten Jahren, Monaten und Wochen haben sich Veranstalter von Partys dazu entschieden kleinwüchsige Menschen für ihre Besucheraquise zu missbrauchen. So bewarb die Diskothek Bel Air aus Cloppenburg eine Party mit dem Namen „Schneewittchen und die 7 Zwerge“. Angekündigt waren anfangs „7 echte Liliputaner“ Nach Kritik an der diskriminierenden Veranstaltung wurden die kleinwüchsigen Darsteller als „7 Zwerge“ angekündigt. Auf der Party konnte man sich mit den nur bedingt verkleideten und sichtbar auf den Kleinwuchs reduzierten Darstellern fotografieren lassen. Party-Ankündigung vom 18.03.2015 der Meller Diskothek NAAVA
Die Meller Diskothek NAAVA warb unterdessen für ihre Veranstaltung „Project NAAVA“ mit einem „Crazy Liliputaner“. Die Ankündigung versprach: „Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt eine Lounge inkl. Eintritt für 5 Personen GRATIS! Außerdem: Unser Liliputaner versorgt euch mit Alkohol ;)“ Die Stadt Melle untersagte der Diskothek – aus Gründen der Sittenwidrigkeit nach §33a GewO – diesen Programmpunkt. Diese Art von Veranstaltungen, angelehnt an die US-amerikanische Teeniekomödie „Project X„, bei dem der kleinwüchsige Schauspieler Martin Klebba in einen Backofen gesperrt wird, sorgte bereits 2013 für große Aufmerksamkeit.

Die Ankündigung des Veranstalters

Damals stürzte der kleinwüchsige Animateur des Janssen’s Tanzpalast aus Cuxhaven, der unter anderem für den Programmpunkt „Wer den Liliputaner einsperrt, bekommt einen Flatscreen!“ gebucht war, bei einer Tanzeinlage von einer Bühne und wurde dabei schwer verletzt.

Doch warum lassen sich Menschen auch heute noch zu Beschauungsobjekten degradieren? Ist es der stille Drang nach Aufmerksamkeit und Gehör? Sind die Berufsmöglichkeiten für kleinwüchsige Menschen so gering, dass sie keine andere Wahl haben, als sich zum Gespött Anderer zu machen? Oder ist es der Kick, einmal in der Öffentlichkeit zu stehen?
Warum ist unsere Gesellschaft daran interessiert, Menschen mit Kleinwuchs auf erniedrigende Weise als „Liliputaner“ durch Diskotheken zu jagen oder sie in der Rolle von Zwergen auf Veranstaltungen auszulachen? Fehlt es hier noch an Aufklärung oder gehört diese Gier nach Verachtung zu unserem menschlichen Dasein?

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