Roller & Ich

Seit knapp 20 Jahren wenig gepflegt, nur selten repariert, mit vielen nützlichen Dingen erweitert, von allen bestaunt und von mir mit ganzem Herzen geliebt.

Michel auf seinem Roller, angelehnt an einen alten gelben Schulbus. © Anna-Lena Ehlers

Es war das Jahr 1990 als ich, damals noch ohne Roller, in Kiel geboren wurde. Ich bin kleinwüchsig, schneiden und schreiben sollte ich laut Ärzten deshalb niemals können. Mit ca. einem Jahr zog ich mit meinen Eltern in nach Bremerhaven. Mittlerweile wohne ich am Wochenende in der schönsten Stadt der Welt – Hamburg. Und in Berlin unter der Woche… auch ganz ok. Ich arbeite als Social-Media Manager und Campaigner bei Change.org, studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften und Germanistik an der Uni Hamburg und bin seit Jahren ehrenamtlich im Vorstand des BKMF e.V. (Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und Ihre Familien) aktiv. Ich liebe meine Familie, meine Partnerin Franzi, meine Freunde, Social-Media und gutes Essen. In meiner Freizeit fotografiere und reise ich und bin ständig auf Achse. Genau genommen auf zwei Achsen.

Ich kann nur eingeschränkt laufen und erkunde daher, seitdem ich denken kann, mit meinem Roller die Welt. Ich war schon immer ein Wirbelwind und wollte deshalb auch wie die anderen Kinder im Sommer Straßenhockey und Verstecken spielen oder im Herbst bei Laternenumzügen die größte Fackel tragen. Mit 11 Jahren reichte mein damaliger, umgebauter Roller der Firma Puky leider nicht mehr für meine Aktivitäten. Ein neuer, stabilerer musste her. Mein Vater begann also zu konstruieren. Er zeichnete, radierte und verbrachte unzählige Nächte in seinem Arbeitszimmer um einen neuen Roller zu entwickeln. Als er mit der fertigen Zeichnung dann eines Abends stolz in mein Zimmer kam, war ich anfangs nicht besonders begeistert, ich musste schließlich meinen alten Begleiter dafür hergeben, Abstand vom Gewohnten nehmen, und mit dieser Zeichnung kam der Abschied nun bedrohlich nah.

Als der neue Roller dann einige Zeit später fertig war, mussten wir uns, wie in jeder Freundschaft, erst aneinander gewöhnen. Wir probierten Kantsteine aus, fuhren langsam über die Gehwege und bescherten meiner Mutter einige schlaflose Nächte, wenn wir wieder einmal ohne Beleuchtung in der Dunkelheit verschwanden. Je mehr wir miteinander erlebten, desto stärker wurde das wohltuende Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in mir. Roller brachte mich bei unseren sommerlichen Ausflügen ins Freibad immer sicher bis ins Wasser und selbst der tägliche Schulweg wurde durch unsere neu gewonnene Freundschaft wieder interessant. So langsam hatten wir uns wirklich, wirklich gern.

© Anna-Lena Ehlers

Würde ich heute behaupten, dass ich meinem Roller Vieles zu verdanken habe, so würde ich lügen. Ich habe ihm Alles zu verdanken! Er gibt mir seit mittlerweile knapp 20 Jahren die Möglichkeit meine Ziele zu verfolgen, selbstständig in den Urlaub zu fahren, mich mit Freunden zu treffen oder auch nur vom Sofa ins Bett zu kommen. Er zeigt mir die schönsten Orte der Welt, hat mir meine Partnerin vorgestellt und beim Ersten Mal die Zimmertür versperrt. Er bringt mich Tag für Tag für Arbeit, ging mit mir zur Uni, hat den ersten Vollrausch mit mir durchgestanden und er bringt mich an jedem Abend heil ins Bett.

Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass er nicht der treueste, liebenswerteste, bedingungsloseste und fürsorglichste Freund der Welt ist.

Danke Roller, das Leben ist unser Abenteuer!