Erzähl mir nicht wer ich bin!

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„Es ist so toll, dass du trotz deiner Behinderung hier so abgehst!“, sagen tanzende Menschen in Clubs oft zu mir, der festen Überzeugung mir damit ein Kompliment gemacht zu haben. „Klasse, dass du Mutter bist!“, sagen sie zu einer befreundeten Mutter mit Behinderung und meinen „Toll, dass dich jemand trotz Behinderung geschwängert hat!“. In den Medien steht oft: „Trotz ihrer Behinderung lächelt sie viel“ oder „XY leidet an Kleinwuchs“, obwohl die Portraitierten einfach ein gutes Leben mit ihrer Behinderung führen. Es ist eindeutig, dass ein Großteil der nicht behinderten Bevölkerung nicht viel von Menschen mit Behinderung erwartet. Wenn dann einer im Club „abgeht“, eine Frau Mutter wird, ein Kind lacht oder XY einfach das Normalste der Welt macht, ist die Bewunderung groß und man wird unweigerlich zum Held seiner eigenen Geschichte ernannt.

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Mein Name ist Michel, ich wohne mit meiner Freundin in Hamburg und bin Medienmacher, Social Media Nerd, Speaker, Blogger und sozial engagiert. Ich gehe gerne mit FreundInnen aus, verreise viel und bin kleinwüchsig. Weil ich nicht gut zu Fuß bin, fahre ich mit einem Roller durch die Welt. Ich bin nicht an ihn gefesselt, sondern verbringe gerne Zeit mit ihm. Auch weil er mein treuester und bedingungslosester Freund seit Kindheitstagen ist. Wenn mir fremde Menschen auf der Straße begegnen, sind sie oft erstaunt. Passe ich doch so gar nicht in ihre Schubladen: Klein trotz Vollbart, erwachsen aber rollerfahrend. Also stempeln sie mich als „behindert“ ab, stülpen mir ihren Vorurteil-Eimer über, loben mich nach den ersten gewechselten Sätzen für Selbstverständliches oder sagen mir, dass ich sie inspiriere, weil ich nicht ihren Vorurteilen von „richtigen“ Behinderten entspreche. Weil ich etwas trotz meiner Behinderung mache, trotzdem glücklich bin und sowieso müsse sich jeder von meinem Umgang mit meinem Körper eine Scheibe abschneiden. Das mag im ersten Moment ganz nett klingen, ist es aber nicht. Gerade weil sie betonen, dass ich etwas trotz Behinderung leiste, machen sie deutlich, dass sie allen kleinwüchsigen Menschen die Fähigkeit absprechen etwas aus ihrem Leben zu machen. Dass das Leben mit Kleinwuchs eigentlich von Passivität, Starre, Unzufriedenheit und Trauer geprägt sein muss.

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Schon bei meiner Geburt wurde meine Identität festgelegt. Michel Arriens, Mann, deutsch, behindert, kleinwüchsig. Eine Identität die ich mir eventuell nicht ausgesucht hätte, wäre ich schon in der Lage gewesen eigenmächtig darüber zu entscheiden. Es ist verständlich, dass viele Menschen das biologisch / gesellschaftlich vorgeschriebene ICH akzeptieren und Ihre Identität auf dieser Grundlage entwickeln. Aber was wenn man an seinem fremdbestimmten ICH rüttelt, zugeschriebene Merkmale und die damit verbundenen Vorurteile in Frage stellt? Man sich die Fragen stellt wie man von seiner Umwelt wahrgenommen wird, wie man von seiner Umwelt wahrgenommen werden möchte und wie man sich selbst sieht? Wenn man arbeitet, eine Partnerin hat, selbstständig lebt, in Discos tanzt, in den Urlaub fliegt, Sex hat und irgendwann vielleicht Kinder bekommt? Weil ein Mensch aus den Vorurteilen ausbricht, sich nicht in Ketten legen lässt, seine eigene Identität lebt, ist die Bewunderung dafür groß und man wird unweigerlich zum Held der eigenen Geschichte.

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Um eine selbstbestimmte Identität zu leben, braucht es ein paar Dinge. Eine Freundin (Ninia LaGrande) sagt man muss Erwartungen brechen, sich eine große Klappe antrainieren, die richtigen FreundInnen haben, Dinge einfach machen, auch wenn sie unmöglich erscheinen (meist erscheinen sie nur der Umwelt unmöglich) und auch ein bisschen Glück haben. Doch was lernen wir daraus? Wir denken viel zu oft in Kategorien und Schubladen. Automatisch vergeben wir Identitäten, in deren Rahmen die Menschen zu agieren haben. Machen wir uns locker, begegnen Menschen auf Augenhöhe, hören uns ihre Geschichten an und bewerten sie anhand ihrer Persönlichkeit, nicht unserer Vorurteile. Denn wer sind wir eigentlich, dass wir uns dieses Recht, über die Identität anderer Menschen zu bestimmen, anmaßen?

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