Barrierevoll ins Praktikum

"Endlich Bonn"

Da ich bis dato noch 0 Komma gar nix mit Pressearbeit im Studium am Hut hatte, beschloss ich kurzerhand mich für das Halbjahrespraktikum in dieser Sparte umzuschauen. Zum Glück wurde zeitgleich eine Praktikumsstelle in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Aktion Mensch ausgeschrieben und ich Glückspilz bekam eine Zusage. Die Hürden begannen danach…

Ich musste mich nun, neben den anderen organisatorischen Dingen, innerhalb von ca. 10 Tagen um eine Bleibe für die nächsten 6 Monate kümmern. Faktoren wie Schönheit, Lage oder angenehme Mitbewohner waren mir seit Beginn der Suche egal. Ich bin eher der rustikal einfach wohnende Typ. Notfalls könnte ich auch wie Harry Potter unter einer Treppe leben, solange das Zimmer irgendwie barrierefrei ist. (Unter einer Treppe eher unwahrscheinlich, ich weiß)

Aufgeregt vor dem Bewerbungsgespräch

Ich durchforstete alle mir bekannten WG-Börsen, telefonierte mit vielen Wohnungsbaugenossenschaften, Studentenwerken, Jugendherbergen und mobilisierte jedes noch so kleine Bonner Amt. Erfolglos. Ich hatte zu Beginn meiner Recherchen einige Male gelesen, dass die Wohnungssuche in Bonn, gerade für Menschen mit Behinderung, eine echte Herausforderung sei. „Aber das betrifft ja eh nur die >richtig< Behinderten. Pustekuchen. Die Ämter fühlten sich nicht zuständig, da ich kein Bonner Stadtbürger war und werden wollte. Die Studentenwerke waren, wie in jeder Stadt, völlig überlaufen. Die Jugendherbergen waren trotz Langzeitmiete nicht verhandlungsbereit und die WG- und Wohnungsanzeigen waren entweder weit über 1000 € teuer oder scheinbar nur versehentlich als barrierefrei gekennzeichnet – 3. OG ohne Lift ist für mobilitätseingeschränkte Personen nämlich nicht so gut. Aber hauptsache die Wohnung ist ohne Stufen, IS KLA!

Jemand brachte mich dann auf die Idee bei dem Verein Behinderten-Gemeinschaft Bonn e.V. anzurufen, der gleichzeitig das Amt des Behindertenbeauftragten der Stadt Bonn inne hat. Kaum schilderte ich, wohl leicht verzweifelt und weinerlich klingend, meine aussichtslose Situation, sicherte mir die Dame am anderen Ende der Leitung einen schnellstmöglichen Rückruf zu, sobald sie ein paar Telefonate mit Freunden, wie sie die Menschen in ihrer Umgebung wohl sympathischerweise nennt, geführt hatte. Meine Stimmung erheiterte sich schlagartig und ich schöpfte neue Kraft für weitere Bemühungen. Um keine Möglichkeit unversucht zu lassen, telefonierte ich jetzt auch mit Hotels und Seniorenresidenzen. Ja gut, die Seniorenresidenzen waren wirklich eine Verzweiflungstat, aber auch hier war nichts zu holen.
Ich wollte doch nur ein kleines, meinetwegen auch klitzekleines, barrierefreies Zimmer – man!
Bei einer nächtlichen Recherche fand ich unverhofft ein Angebot einer Zeitwohnagentur, welches, zumindest auf den Fotos, barrierearm aussah. Günstig war das auch nicht, aber egal. Man lebt nur einmal! „Unter Favoriten speichern? Ja verdammt, hab ich eine Wahl?!“

Der versprochene Rückruf der netten Dame die ihre Kontakte alle als Freunde bezeichnet, kam nach zwei Tagen. Sie hatte einige Hebel in Bewegung gesetzt und bat mich nach Bonn zu kommen, damit wir uns einige Zimmer anschauen können.
Zwei mögliche Zimmer hatte ich jetzt. Eigentlich kein guter Grund die Strecke von 400km pro Richtung zu fahren und ein Zimmer in der nach wie vor nicht verhandlungsbereiten Jugendherberge zu bezahlen – aber MAN LEBT JA NUR EINMAL!

Nach einer schlaflosen Nacht in einem zellenähnlichen, aber wenigstens barrierefreien Jugendherbergszimmer, machten wir uns am frühen Morgen auf den Weg zu Option 1. Die Wohnung der Zeitwohnagentur lag in einem alten Schwesternhaus an der Rheinaue und war nur 10 Gehminuten von meinem zukünftigen Arbeitgeber entfernt. Scheiß geile Lage, aber leider entpuppte sich bereits der Hausflur als R(h)einfall (Haha Wortwitz. Wegen Bonn am Rhein und so. Danke Raúl, du bringst immer die besten Wortwitze!) Der Taster des Fahrstuhls war in einer für mich unerreichbaren Höhe. Dass das Badezimmer auf den Fotos riesig groß wirkte, in Wirklichkeit aber gerade mal so lang wie mein Roller war und sowieso nur das baugleiche 2-Zimmer-Appartement nebenan für fast 300 € mehr frei war, machte den Misserfolg dann komplett.

Option 2 fand mit der netten Dame der Behinderten-Gemeinschaft statt. Eine leerstehende Wohnung in einem Mehrgenerationen Haus oder ein Gästeappartement im selben Haus sollten für mich DIE Lösung werden. Ich meckerte schon gar nicht mehr als wir gefühlt die Bonner Stadtgrenzen schon lange hinter uns gelassen hatten.  Kaum hatte der herbeigeeilte und stark nach Rauch riechende Hausmeister die Wohnung aufgeschlossen, gingen wir direkt zwei große Schritte Richtung Ausgang. Hatte uns eben noch der Geruch des Hausmeisters geschockt, war es nun die Wohnung die stank als wäre hier erst gestern eine Zigarettenfabrik inklusive MitarbeiterInnen abgebrannt. Mit Küche war nix, die Fenster gingen auch nicht auf und das Badezimmer verfügte über eine Badewanne, welche ich beim besten Willen nicht hätte erklimmen können. Ne wat war ich traurig als ich da wieder raus durfte, äh musste…

Das Gästezimmer war im „geschmackvollen“ 60er-Jahre Stil eingerichtet. Erstmal nicht weiter schlimm, aber auch hier gehörte nur eine Badewanne zur Ausstattung.
Eine letzte Option fiel der netten Dame dann noch auf dem Weg zurück zum Auto ein. Ein Klient (AHA, der hatte wohl was verbrochen!) würde wohl demnächst für ein paar Wochen, Monate oder für immer – das war nicht ganz klar – ins Ausland gehen. 10 km Autofahrt später, standen wir in der besagten Wohnung.

Es begrüßte uns der derbe Geruch von verschimmeltem Essen, abgestandenem Bier und dreckigen Klamotten. Wir bedankten uns. Prost, aber da wollte ich zukünftig kein Feierabendbier trinken.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch mal recht herzlich bei der Dame der Behinderten-Gemeinschaft Bonn e.V. bedanken, deren Name mir leider entfallen ist. Sie haben wirklich Alles gegeben. An Ihnen lag es definitiv nicht!

Als wir wieder im Auto saßen und das Navi bereits mit dröhnender Stimme die Route Richtung Bremen ansagte, klingelte plötzlich mein Handy. Der Display zeigte eine mir unbekannte Bonner Nummer. „Michel Arriens?!“ sagte ich leicht verwundert. „Guten Tag Herr Arriens, die Villa Emma hier. Ich habe von einer Kollegin gehört, dass Sie auf Zimmersuche sind. Wir hätten ein barrierefreies Gästezimmer. Wollen Sie es sich einfach mal anschauen?“ Das lies ich mir nicht zweimal sagen und rauschte, so schnell es die Verkehrsordnung nicht zuließ, Richtung Vilich-Müldorf (rechtsrheinisches Bonn, „schäl sick“ = blöde Seite, wie die Bonner sagen).

Wir waren kaum ausgestiegen, da kam die Dame vom Telefon auf uns zu und begrüßte uns sehr warmherzig. Emma hieß sie wie erst erwartet übrigens nicht. Ich hatte das erste Mal an diesem Tag ein gutes Gefühl, auch nachdem wir das Haus bereits betreten hatten. Das erwähnte Zimmer war hell, freundlich und modern eingerichtet und das Bad wie für mich gebaut. Bei Bedarf könnte auch jemand die regelmäßige Reinigung übernehmen, was mir natürlich als Putzmuffel sehr entgegenkam. Einen Waschkeller gab es im, durch einen Fahrstuhl erreichbaren, Kellergeschoss ebenfalls. Sie sagte, dass das Zimmer normalerweise von BesucherInnen der ständigen Hausbewohner gemietet wird, es könnte aber auch für längere Zeit untervermietet werden. Jeden Mittag war ein ehrenamtlicher Nachbarschaftsdienst im Haus, der für einige Bewohner im Haus kochte und am Abend könnte ich dann die riesige Küche gerne für mich benutzen. „Klasse! Das ist es!“ dachte ich mir und meine Augen bildeten kleinste Funkelkristalle. Das Zimmer war nicht sehr günstig, aber das war mir jetzt egal. Es ging bei dieser Entscheidung ja nicht nur um das Zimmer, sondern auch um die endgültige und leider nicht ganz selbstbestimmte Entscheidung „Bonn, Ja oder Nein“.

Wieder im Auto, rief ich gleich die verantwortliche Kollegin für die Vermietung des Gästezimmers an. Auch sie hieß übrigens nicht Emma. Mit ihr sollte ich über die nötigen Formalien sprechen. Es kam, wie es kommen musste. Das Zimmer sei wohl noch für die kommenden Monate vermietet, so ganz sicher sei das aber noch nicht. „Na toll!“ dachte ich mir und war den Tränen nah. Die Dame versicherte mir, dass sie mit der jetzigen Mieterin sprechen und sich Anfang nächster Woche melden würde.

Das erste Mal seit meiner Pubertät hasste ich meine Behinderung. Schließlich war sie schuld daran, dass ich nicht jedes x-beliebige WG-Zimmer beziehen konnte, sondern auf der Suche nach der goldenen Nadel im Heuschuppen war. Wir fuhren also mit gemischten Gefühlen wieder nach hause und ich verbrachte die folgenden Tage damit nach weiteren Alternativen zu schauen. Der Erfolg blieb aber wie gewohnt aus.

Das Gästezimmer in der Villa Emma
Das Gästezimmer in der Villa Emma

Am Dienstag erreichte mich dann der erlösende Anruf. Die jetzige Mieterin würde zum 08.09.2014 ausziehen. Könnte ich springen, wäre ich wohl vor Freude wie ein Flummi durch mein Zimmer gehüpft. Der Personalabteilung der Aktion Mensch erklärte ich am darauffolgenden Tag meine Situation und wir verlegten meinen Praktikumsstart auf den 08.09.2014. Einige Stunden später unterschrieb ich den Mietvertrag für das Gästezimmer in der Villa Emma für die nächsten 6 Monate.

"Endlich Bonn"
Vorbereitung auf die Zeit in Bonn mit einem Reiseführer meiner Eltern

Ich hatte es tatsächlich geschafft. Nach über 80 Anrufen, ebenso vielen E-Mails, Gerüchen und Eindrücken, die ich niemandem zumuten möchte und der ersten riesig großen Wut auf meine Behinderung seit meiner Pubertät, endete die Zimmersuche nun doch mit einem Happy End. Ich würde für 6 Monate nach Bonn gehen. Bei dem Arbeitgeber arbeiten, bei dem ich wusste Gutes tun zu können und meine Bleibe war ebenfalls sicher. Ich war überglücklich und all der Frust und die Wut verflogen ebenso schnell wie sie gekommen waren.
Was ich daraus gelernt habe? Niemals aufgeben!

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